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Magazin Klassik 08/06/2016
Geschichten erzählen

Der dritte und letzte Teil der Einspielung sämtlicher Konzerte Robert Schumanns wartet endlich mit etwas auf, was den übrigen beiden Folgen fehlte: einer überzeugenden Realisierung.

Der Gesang, mit dem der Cellist Jean-Guihen Queyras das Violoncellokonzert a-Moll op. 129 von Robert Schumann anstimmt, ist betörend schön. Diesem ersten Eindruck gesellt sich sofort eine zweite Erkenntnis hinzu: Das Freiburger Barockorchester agiert in dieser Aufnahme weitaus klarer als in den bisherigen beiden Teilen der auf drei Teile berechneten Einspielung von Schumanns Konzerten. Und schließlich ist auch das Tempo glücklicher gewählt als in der vergangenen Herbst erschienenen Aufnahme des Klavierkonzerts: Es schleppt nicht, wird aber aber dennoch immer nachgiebig musiziert, mit Zeit für leicht gedehnte Auftakte des Solisten oder hinausgezögerte Akkordvorhalte.

Dass der vom Dirigenten Pablo Heras-Casado verantwortete orchestrale Aspekt überhaupt erstmals innerhalb der drei Teile eine überzeugende Umsetzung erfährt, mag damit zusammenhängen, dass die Funktion der Orchestermusiker im Cellokonzert weitaus stärker zurückgenommen ist als in den übrigen Konzerten, die weitgehend als Anlagerungen an den Cellopart konzipierten Teile also weniger komplex sind und bei ihren manchmal nur dahingetupften oder gehaltenen Klängen den Musikern oft genug eine weitgehende Orientierung am Solisten ermöglichen. Dennoch offenbart das genaue Hinhören auch in diesem Fall, dass das Freiburger Barockorchester nicht so ganz geschlossen musizieren kann und eher aus Individuen besteht, stechen doch gerade in den wenigen Tuttipassagen immer wieder einzelne Musiker aus dem Streicherapparat hervor, wodurch die klangliche Geschlossenheit auf Mikroebene fehlt.

Queyras packt das Werk leichtfüßig an, wodurch es die dumpfe Schwerfälligkeit verliert, die ihm in manch anderer Aufnahme zukommt; dafür gewinnt es jedoch eine Zartheit, die ihm außergewöhnlich gut zu Gesicht steht. Von Anfang an betont der Cellist die rhetorische Komponente der Musik, legt seinen Part als große, durch den Atem gegliederte Rede an, auf dessen Höhepunkten dann die Rezitativ-Einwürfe im Übergang vom zweiten zum dritten Satz und später die Kadenz erklingen. Dieser Zugang macht sich gerade in den raschen Achtelketten immer wieder bemerkbar, die Queyras mit Bedacht formuliert und mit intelligent angebrachten agogischen Verlängerungen versieht. Wenn dann im Wechselspiel mit dem Orchester auch noch kammermusikalische Situationen zustande kommen, dann wirkt dies letzten Endes wie eine Frischzellenkur für das Werk, das im Übrigen auch im Fall dieser Produktion auf einer gesondert beigelegten DVD als Mitschnitt einer Konzertaufführung verfügbar ist.

Als Ergänzung erklingt diesmal Schumanns Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 63, und nach den bisherigen Folgen lässt sich dem positiven Urteil über das gemeinsame Musizieren von Alexander Melnikov (Klavier), Isabelle Faust (Violine) und Queyras kaum noch etwas hinzufügen: Wie die Musiker den einzelnen instrumentalen Fäden im Kopfsatz zu ihrem klanglichen Recht verhelfen, zwischen Vorder- und Hintergrund wechseln, ständig die Klangperspektive verändern und dabei zugleich ihre Parts einer sorgfältigen und eng aufeinander abgestimmten Formung unterziehen, wie sie dann an den Fortepassagen zu einem großen instrumentalen Organismus zusammenzuwachsen, um gleich darauf wieder in ein Miteinander dreier Individuen auseinanderzutreten – das hat schon große Klasse. Auf diese Weise machen die Interpreten den Kopfsatz zu einem wahren instrumentalen Drama, nur kurz unterbrochen vom luziden, in den oberen Registerlagen angesiedelten Einbruch einer ganz anderen Klangwelt. Sie zeigen aber auch mit der ins Atemlos-Gehetzte gleitenden Diktion des Scherzos, was sich erreichen lässt, wenn man die Musik in dem von Schumann vorgegebenen Tempo vorträgt und nicht – wie dies leider in vielen anderen Aufnahmen der Fall ist – verschleppt.

Aus diesem Zugang resultiert eine Wirkung, die mit Blick auf die Gesamtdisposition des Werkes genau kalkuliert ist, da sie – einen Moment von Erschöpfung umkreisend – in den mit zerbrechlichem Tonfall musizierten langsamen Satz mündet und damit eine musikalische Folgerichtigkeit herausstellt, die in anderen Aufnahmen so nicht zu hören ist. Die an diesen negativen Höhepunkt anschließende Wendung nach Dur zu Beginn des ohne Pause nachfolgenden Finales ist folgerichtig zunächst vorsichtig musiziert, wie ein Tasten, das der neuen Stimmung noch nicht zu trauen scheint – ein Tasten freilich, das sich nach und nach immer weiter hochschaukelt und schließlich zu jener lyrischen Emphase wird, mit welcher Schumann dieses Trio abschließt. Dabei bleiben Faust, Queyras und Melnikov auch an solchen Stellen ihrem differenzierten Zugang treu und unterziehen die Satzstrukturen immer wieder einer erstaunlichen musikalischen Detailbefragung. Was die drei Musiker hier in Form eines musikalischen Geschichtenerzählens leisten, ist beachtlich und macht diese Veröffentlichung zu einem Schatz für jeden Liebhaber Schumann’scher Kammermusik. Allein schon dafür lohnt sich die Anschaffung.

Prof. Dr. Stefan Drees
Magazin Klassik 08/06/2016