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SWR 08/04/2016
Sprudelnde Energie

SWR Schumann

Schumanns Cellokonzert ist kein Showpiece, bei dem der Solist virtuose Zirkusnummern präsentiert und das Orchester mit ein paar wirkungsvollen Tuschs zur Seite steht. Schumann stellt ganz die gesangliche Seele des Cellos ins Zentrum; es gibt trotzdem ein paar schwindelerregend virtuose Stellen, aber die sind eher Beiwerk als Selbstzweck. Schumanns schnelle Läufe und die unglaublich großen Sprünge liegen nicht gut in der Hand, sind sperrig und wirklich schwer für den Cellisten. Schumanns Zeitgenossen wollten deshalb umfangreiche Änderungen; Schumann hat sie allesamt ignoriert und seine Kollegen damit gründlich verprellt. Schumanns Instrumentation macht das Konzert für den Cellisten nicht einfacher – Mstislaw Rostropowitsch war damit so unzufrieden, dass er sich bei Schostakowitsch eine komplett neue Instrumentierung bestellte.
Wenn das Orchester auf historischen Instrumenten spielt, wie hier das Freiburger Barockorchester, mit Darmsaiten und dunkler grundierten Bläsern, dann sind die
Balanceprobleme längst nicht mehr so gravierend. Für den Cellisten Jean-Guihen Queyras war dieses Zusammenspiel ein „Befreiungsschlag“, wie er sagt. „Man muss die klangliche Dichte der modernen Orchester auflockern, sonst können die Dynamik, die Energie und auch
die Magie der Werke nicht wirklich entstehen.“ Er selbst spielt in dieser Aufnahme sein
übliches Cello, ein italienisches Instrument von Goffredo Cappa aus dem Jahr 1696; er hat es
aber mit Darmsaiten bezogen. Und er orientiert sich in der klaren, sprechenden Phrasierung,
der Leichtigkeit der Bogenhand und der differenzierten Behandlung des Vibratos stark an der
historischen Aufführungspraxis. Ich finde, Queyras trifft ganz wunderbar die vielen
Stimmungen, die in diesem Konzert stecken: das sehnsuchtsvolle Drängen, die Euphorie und
die erschütternden Abgründe, die rauen, aber auch die süßen Seiten, die ungebändigte
Leidenschaft. „Nicht zu schnell“ ist der erste Satz überschrieben – und manchmal scheint hier
tatsächlich die Zeit still zu stehen; was für eine Wohltat, dass diese Stellen nicht mit
Geschäftigkeit übertüncht werden!
Die Aufnahme bildet den Abschluss einer Dreierserie mit Schumanns Konzerten für Geige,
Klavier und Cello; jedes Konzert ist kombiniert mit einem Klaviertrio; gespielt von Isabelle
Faust, Jean-Guihen Queyras und Alexander Melnikow (dieselben, die auch die Soli in den
Konzerten spielen).
Nach dem Cellokonzert gibt es auf dieser neuen CD Schumanns erstes Klaviertrio op. 63 in d-
Moll. Schumann hat es 1847 komponiert, drei Jahre vor dem Cellokonzert, „in einer Zeit düsterer Stimmungen“ und es seiner Frau Clara zum Geburtstag geschenkt. Sie schrieb nach dem ersten Durchspielen in ihr Tagebuch: „Es klingt wie von einem, von dem noch Vieles zu erwarten steht, so jugendfrisch und kräftig, dabei doch in der Ausführung so meisterhaft ...“
Herrlichste Musik, von den drei Musikern mit ganzer Seele, sprudelnder Energie und Leidenschaft gespielt. Sehr direkt aufgenommen, deshalb hört man auch mal, dass die Instrumente aus Holz sind und die Saiten der Streicher aus Darm – aber ich finde, gerade dieser direkte Klang passt perfekt zum aufgewühlten Charakter der Musik.

SWR 08/04/2016