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Musik & Theater Novembre 2013
«Es muss nicht alles tief sein»

Musik & Theater nov. 2013



Jean-Guihen Queyras hat nicht nur eine bewegte Biografie von Kanada über Nordafrika nach Frankreich und Deutschland, er ist auch ein sehr vielseitiger Cellist. Zehn Jahre spielte er im Ensemble InterContemporain, er improvisiert mit arabischen Musikern, kennt sich aber auch mit historischen Spieltechniken aus, spielt auf höchstem Niveau Streichquartett und hat als Solist soeben die Cellokonzerte von Elgar und Tschaikowsky eingespielt.

M&T: Die Kombination von Tschaikowskys «Rokoko-Variationen» und dem Cellokonzert von Elgar überrascht. Wie kam es dazu?

Jean-Guihen Queyras: Am Anfang stand das Konzert von Elgar, das ich schon lange aufnehmen wollte und dann die Gelegenheit erhielt, mit Jirˇí Beˇlohlavek zusammenzuarbeiten. Wir haben schon das Cellokonzert von Dvorˇák zusammen eingespielt, und ich schätze sein wunderbares Feingefühl. Er war auch Cellist, und ein sehr guter sogar, so schätze ich es natürlich, mit einem Fachmann zu musizieren. Als Ergänzung habe ich zuerst an Britten gedacht, doch die Cellosinfonie kannte das Orchester nicht wirklich gut. So haben wir uns auf den Kontrast mit Tschaikowsky geeinigt. Und ich wollte unbedingt diese beiden kleinen Miniaturen von Dvorˇák auch mit auf der CD haben.

M&T: Haben Sie neben den Unterschieden auch gemeinsame Seiten in diesen beiden Konzerten gefunden?

Queyras: Beide gehören in die Romantik, aber sind schon vom Ansatz her gegensätzlich. Das Elgar-Konzert ist ein eher schwermütiges Werk, nach dem 1. Weltkrieg entstanden. Aber wie alle grossen Meisterwerke lebt es von Kontrasten, und es gibt nicht wenige Momente, die wirklich ganz bewusst leichte Musik sind. Der zweite Satz zum Beispiel ist ein ganz einfaches Scherzo, spielerisch leicht und virtuos. In einer anderen harmonischen Welt hätte so etwas auch Tschaikowsky komponieren können. Und der letzte Satz, bis auf die Coda, die eine unglaubliche Tiefe hat, ist eigentlich recht einfache Blas- oder Strassenmusik.
 

M&T: Umgekehrt finden Sie auch Tiefe bei Tschaikowsky?

Queyras: Die «Rokoko-Variationen» leiden ein bisschen unter dem Vorwurf der Oberflächlichkeit. Ich finde sie eher süss, mit überzuckerten Harmonien, aber Tschaikowsky ist darin total ehrlich, und mich trifft das direkt. Diese Musik ist fein gemacht, wunderschön geschnitzt, und das ist schon an sich genial. Aber man findet auch Tiefe, etwa in der vorletzten Variation in Moll. Diese Tiefe ist anders als bei Elgar, weil sie sich nicht so bedeutungsvoll gibt. So wie Haydn manchmal wunderschön tief sein kann, aber immer in seinem Rahmen bleibt. Elgar geht mit ganzer Seele in Trauer und Verzweiflung. Tschaikowsky fasst sie in einen Rahmen der klassizistischen Distanz, was ich genauso schätze. Ich würde nie behaupten, dass uns Tschaikowsky in den «Rokoko-Variationen» wie in der «Pathétique» sein Herz ausschüttet. Aber in den gesanglichen Momenten kommen dennoch sicher persönliche Gefühle durch.

M&T: Wo liegen instrumentaltechnisch die Herausforderungen für das Cello?

Queyras: Die erste Variation ist sehr delikat, man muss die Artikulationen im Rahmen einer gleichmässigen Phrasierung setzen. Das schüttle ich nicht einfach aus dem Ärmel. Eine gewisse Ähnlichkeit hat der zweite Satz bei Elgar: Eine extrem leichte Virtuosität. Wenn man da zu schwer arbeitet, wenn es nicht leicht aus den Fingern läuft, dann geht man am Stück vorbei. Leichtigkeit ist immer eine Herausforderung: Die Technik darf nicht spürbar werden. Und im letzten Satz von Elgar gibt es ein paar Klippen, die unter den Cellisten berühmt sind.

M&T: Welche Idee von Klang haben Sie für diese beiden Werke?

Queyras: Man spielt ganz anders: Bei Elgar sucht man die tiefen, dunklen Seiten, bei Tschaikowsky mehr die Eleganz und die Feinheit. Die Variationen sind eine Gratwanderung zwischen Klassik und Romantik, und das ist das Schöne an diesem Stück: Vieles ist möglich, niemand kann abschliessend sagen, wie weit man in der Dynamik, in den Rubati etwa gehen darf. Ich sehe mich eher auf der klassischen Seite, einfach weil ich es so empfinde und nicht das Bedürfnis habe, das Süsse mit noch mehr Pathos zu überstreichen. Ich denke, das ist eine Musik, die mehr Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit erhält, wenn man sie nicht zu sehr interpretiert.

M&T: Die Cellisten kämpfen in all ihren Konzerten gegen das Orchester. Wie steht es in diesen beiden Werken damit?

Queyras: Die tiefen Frequenzen werden von der harmonischen Welt leichter geschluckt in die sie eingebettet sind. Die hohen Frequenzen einer Flöte oder Geige hingegen schweben einfach darüber. Elgar ist in dieser Beziehung nicht so schwierig, Dvorˇák zum Beispiel ist viel problematischer. Da habe ich schon erlebt, dass selbst Rostropowitsch im zweiten Thema vom Orchester zugedeckt wurde, und das will bei ihm etwas heissen. Die Komponisten sind sich dieses Problems bewusst und versuchen es zu umgehen. Lutoslawski zum Beispiel setzt seine brachialen Posaunen und Trompeten stets in die Pausen des Soloparts, Schostakowitsch lässt den Solisten total Protagonist sein. Aber bei Konzerten, wo Cello und Orchester mehr Hand in Hand gehen – Schumann, Dvorˇák, auch Dutilleux – muss man einen Zauberer haben als Dirigenten. Es ist übrigens mit dem Klavier ähnlich: Man braucht als Cellist einen Begleiter, der sehr transparent spielen kann. Es gibt eine Art von Klavierklang, der alles frisst.

M&T: Müssen Sie sich oft gegen Dirigenten wehren?

Queyras: Es kommt vor, dass einer glaubt, er müsse alles bestimmen. Wir Cellisten haben nicht ein Riesenrepertoire an Konzerten und spielen diese Stücke recht oft. So haben wir eine gewisse Erfahrung damit. Aber es gibt auch andere Dirigenten: Ich habe kürzlich Haydn und Schostakowitsch mit Yannick Nézet-Séguin gespielt. Das war ein ständiger Dialog, nicht nur über Balance und Dynamik. Er war unglaublich offen, das ist natürlich ein Traum, wie Kammermusik in einer grossen Gruppe.

M&T: Eine CD ist einerseits eine Momentaufnahme, hat andererseits aber auch einen gewissen Referenzcharakter. Spielt man da vielleicht anders, objektiver als in einem Konzert?

Queyras: Eine CD ist für mich keine Umfrage. Ich überlege mir nicht, wo ich mich unter all den Aufnahmen, die es schon gibt, positionieren soll, sondern spiele so wie ich im Moment empfinde.

M&T: Bach, haben Sie gesagt, würden Sie heute anders einspielen.

Queyras: Die Bach-Suiten sind ein gutes Beispiel, Solostücke überhaupt, weil man da den grössten Freiraum hat, wie man mit Zeit und all den Elementen, die man für die Rhetorik zur Verfügung hat, arbeitet. Dadurch ist der Raum für objektive Interpretationsunterschiede viel grösser. Und wenn man Stücke oft spielt, dann gibt es die Tendenz, die Grenzen immer weiter hinaus zu schieben, dass man gewisse Momente ausleben möchte. Mit Alexander Tharaud habe ich eine Zeit lang Schuberts «Arpeggione-Sonate» sehr viel gespielt. Da sind wir manchmal sehr weit gegangen etwa in jenen Momenten im zweiten Satz, wo die Musik fast zum Stillstand kommt: Wie weit kann man diesen Stillstand hinaus schieben, ohne dass die Musik stirbt? Das würde man auf einer CD nicht so machen.

M&T: Gibt es Aufnahmen, die Ihnen besonders lieb sind?

Queyras: Nicht ganze Aufnahmen, eher Momente, wo man denkt, da war der kleine Engel für ein paar Minuten da. Ich höre meine CDs fast nie, ausser wenn meine Kinder sie pausenlos abspielen, was phasenweise vorkommt. Nicht nur, weil der Papa da spielt, sondern auch, weil sie die Musik mögen. Und dann denke ich, dass ich ganz gut damit leben kann, was ich gemacht habe.

M&T: Hören Sie auch andere Musik auf CD?

Queyras: Nicht viel, und eher Jazz als Klassik. Wir haben lange in Frankreich gelebt, und mein älterer Sohn pflegt diese Erinnerung gerne mit den Chansons von Piaf oder Brel. Sicher hören wir auch mal ein Beethoven-Klavierkonzert oder eine grosse Sinfonie. Daneben verfolge ich natürlich, was in der zeitgenössischen Musik passiert, aber das höre ich nicht im Wohnzimmer, sondern sehr konzentriert und bewusst. Gerne höre ich auch Ligeti oder «Sur Incises» von Boulez. Das hat eine unglaubliche rauschhafte Kraft.

M&T: Sie haben zehn Jahre im Ensemble InterContemporain zeitgenössische Musik gespielt und viele Werke uraufgeführt. Suchen Sie aktiv nach interessanten Komponisten, die für Sie schreiben könnten?

Queyras: Es gibt immer Projekte, die meisten entstehen durch das Zusammentreffen in der Musikwelt. Mit Thomas Larcher stehe ich gerade in Verbindung, mit Jörg Widmann haben wir Ideen entwickelt, Bruno Mantovani, der schon ein Cellokonzert komponierte, das ich vor sieben Jahren uraufgeführt habe, schreibt ein zweites Konzert. Die Zusammenarbeit mit lebenden Komponisten, die Skizzen zu bekommen, die Geburt mitzuerleben, das sind für mich wunderschöne Prozesse. Ich fühle mich wie eine Hebamme, das ist der schönste Beruf überhaupt. Michael Jarrell schrieb ein extrem virtuoses Stück für mich, das wir im Frühling wieder in der Romandie spielen. Auch für das Publikum ist es anspruchsvoll, sehr dicht, beim ersten Hören noch nicht unbedingt sortierbar, wobei wir als Interpreten auch darauf achten müssen, das möglichst durchsichtig zu spielen. Das gilt übrigens immer, auch in Barock und Klassik: Wenn man es schafft, eine gesunde Hierarchie in die Noten zu bringen, Haupt- und Nebenschichten abzugrenzen, dann werden die Stücke verständlicher. Das hat Anner Bylsma über die Bach-Suiten immer gesagt: Die demokratische Sicht des 20. Jahrhunderts, dass alle Noten wichtig sind, das ist Unsinn. Man hat vor allem in der französischen Musik sehr inegal gespielt, und das nicht nur bezüglich der Länge der Töne, sondern auch der Intensität des Klangs.

M&T: Haben Sie einem Komponisten auch schon gesagt: So funktioniert das nicht?

Queyras: Dieser Satz ist meine absolut letzte Reserve. Ich lerne mit den Jahren ein bisschen, ihn ab und zu doch zu verwenden. Aber grundsätzlich ist für mich der Komponist Gott und ich bin der Knecht. Ich möchte wirklich alles tun, seine Vorstellungen zu realisieren. Als Lachenmann mit seinen Klängen aus Geräuschen kam, mögen auch einige gesagt haben, das sei unmöglich, und man hat Zeit gebraucht, bis man verstanden hat, dass er eine ganz andere Welt eröffnen will. Deswegen bin ich mir selbst gegenüber sehr misstrauisch, wenn ich das Gefühl habe, etwas sei nicht realisierbar. Im Konzert von Jarrell gab es einige sehr schnelle Läufe mit weiten Saitenwechseln und Akkorden gespickt, die wirklich kaum spielbar waren. Wir haben ein paar Stellen geändert, aber erst nach dem ersten Konzert, als wir uns einig wurden, dass es so dicht ist, dass man nicht versteht, was er aussagen wollte. Ich liebe diese Chance, durch die innere Welt eines Komponisten auch mein Instrument neu kennenzulernen.

M&T: Wann spielen Sie nicht mehr mit?

Queyras: Das passiert kaum. Ein Stück von Aulis Sallinen, das ich heute sehr mag, wollte ich wirklich nicht spielen. Es ist ein Potpurri, sehr tonal, mit Jazz und Tango. Während meiner Residenz beim Ensemble Resonanz in Hamburg haben wir praktisch alles hervorgeholt, was es für Cello und Ensemble gibt. Und in einem Programm hat dieses Sallinen-Stück einfach gepasst. Da habe ich gesagt, gut, ich spiel’s und habe gemerkt, dass es ein tolles Stück leichte Musik ist, so wie vielleicht Saint-Saëns leicht ist im Vergleich zu Elgar. Es muss nicht alles tief sein. Mittlerweile geniesse ich das, wie ein Abend mit Freunden einer guten Flasche Wein, Käse und Party.

M&T: Ist der Neuen Musik die Leichtigkeit und der Humor abhanden gekommen?

Queyras: Meine Einstellung zur Neuen Musik ist schon geprägt worden durch Pierre Boulez und das Ensemble InterContemporain, durch Ernsthaftigkeit und eine gewisse Kopflastigkeit. Heute sehe ich das lockerer. Humor gibt es schon, bei Ligeti zum Beispiel. Humor ist natürlich etwas ganz Persönliches, Beethoven hatte auch Humor auf seine Weise. Das ist ein sehr deutscher Humor, der auch eine bestimmte Ernsthaftigkeit beinhaltet: Mit Humor macht man keinen Spass! Oder wenn Bach anfängt mit den Buchstaben seines Namens in der Musik zu spielen, ist das nur Testament und Signatur oder ist es auch ein Spiel? Oder Schostakowitsch, wo man nie so richtig einordnen kann, ist das wirklich nur sarkastisch und schwarz oder ist es vielleicht doch auch lustig.

M&T: Seit elf Jahren spielen Sie im Arcanto-Quartett. Gut Streichquartett spielen könne nur ein Vollzeit-Quartett, hört man. Ein Vorurteil?

Queyras: Ich bin unglaublich dankbar, dass ich das nicht ständig machen muss. Dadurch ist jede Quartett-Phase etwas, worauf man sich riesig freut. Und wir reisen auch zusammen im Zug und wohnen im selben Hotel, nicht wie die Vollzeitquartette, die neben der Musik möglichst Distanz suchen. Wir haben das Glück, dass wir in einer Zeit leben, wo diese Tabus doch etwas aufgebrochen werden, und was wir mitbringen durch unsere anderen musikalischen Erfahrungen, kann auch ein anderes Licht in dieses Repertoire werfen. Möglich, dass wir klanglich weniger homogen spielen. Man kann ein Stück als Einheit erleben, aber es ist vielleicht auch ein Vorteil, wenn man es von vier verschiedenen Seiten betrachtet und von vier Stimmen her hört. Wir nehmen das Streichquartett sehr ernst. Wir fixieren diese Phasen im Kalender immer als erste, sonst wären wir nie alle vier gleichzeitig frei. So stellen wir sicher, dass wir uns regelmässig treffen. Und wir kennen uns unterdessen schon sehr lange: Mit Tabea Zimmermann spiele ich seit 20 Jahren Kammermusik, auch mit Daniel Sepec. Antje Weithaas ist so gesehen die jüngste, aber wir haben sie gezielt ausgesucht, weil es einfach aus ästhetischen und persönlichen Gründen passt. Wir sind wirklich vier sehr enge Freunde, das wäre wahrscheinlich in einem Vollzeitquartett so schön und intensiv nicht möglich.

M&T: Haben Sie bewusst darauf hingearbeitet, ein so vielseitiger Musiker zu werden?

Queyras: Das hat sich ergeben, weil ich vom Temperament her so bin. Schon als Student wollte ich ständig Kammermusik spielen. Aber auch Neue Musik hat mich schon sehr früh interessiert, und in Freiburg hat es mir riesig Spass gemacht, die Stücke von den Kompositionsstudenten zu spielen. Die Beschäftigung mit alten Instrumenten und Spieltechniken kam etwas später, aber ich hatte von meinem Elternhaus her diesen Klang im Ohr. Da lief ständig Harnoncourt, Leonhardt, die Kuijkens und jeden Sonntag eine Bach-Kantate.

M&T: Auf Ihrer nächsten CD werden Sie mit historischen Instrumenten die Beethoven-Trios aufnehmen, mit Isabelle Faust und Alexander Melnikov. Was kommt danach?

Queyras: Beethoven-Sonaten, auch mit Melnikov, aber wahrscheinlich auf modernen Instrumenten. Ich bin da immer ein bisschen gespalten. Die Bach-Suiten habe ich auch auf einem modernen Cello eingespielt, natürlich mit den Erfahrungen und dem Wissen um die Spielweisen und Stilfragen. Harnoncourt sagt selbst: Nicht auf was man spielt, sondern wie man spielt, sei entscheidend. Und dann wird nächstes Jahr eine CD erscheinen, die mir sehr am Herzen liegt: Wir haben mit dem Ensemble Resonanz Schönbergs «Verklärte Nacht» und die komplette Ensemble-Fassung von Alban Bergs «Lyrischer Suite» eingespielt. Gleichzeitig erscheint der in Deutsch schon veröffentlichte Briefwechsel zwischen Berg und seiner grossen Liebe Hanna Fuchs, die er in der «Lyrischen Suite» verarbeitete, auf Französisch.■

Reinmar Wagner - Musik & Theater Nov.2013