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Kulturradio 11/12/2017
Ein Treffen der Superlative: Anne Teresa de Keersmaeker und Rosas/ Jean-Guihen Queyras

Ein Treffen der Superlative: Anne Teresa de Keersmaeker und Rosas/ Jean-Guihen Queyras.


Johann Sebastian Bachs sechs Cellosuiten, einer der Gipfelpunkte in Bachs Werk, gespielt von einem der besten Cellisten weltweit, Jean-Guihen Queyras und in Tanz übertragen von der bedeutendsten Choreographin Europas, Anne Teresa de Keersmaeker. Es treffen Superlative aufeinander bei diesem Gastspiel, das am Wochenende Premiere im Hebbel am Ufer hatte. „Mitten wir im Leben sind“ haben Keersmaeker und Queyras ihre Auseinandersetzung mit Bach genannt.


Keine Gala, kein Kult - ein Abend mit Widerhaken

Die beiden haben es sich nicht leicht gemacht, sind nicht den bequemen Weg gegangen. Dies ist kein Star-Rummel um Keersmaeker und Queyras, kein Kult um Bach und die himmlischen Cellosuiten, kein Tanz in berückender Schönheit. Das ist ein Abend mit Widerhaken und in Arbeitsatmosphäre, mit überwiegend hartem Arbeitslicht und in Arbeitskleidung: Queyras in Jeans und blauem Hemd, die Tänzer in knielangen schwarzen Hosen und T-Shirts, nur Keersmaeker trägt ein einfaches blaues oder schwarzes Kleid – das ist mehr Studio-Training als Gala.
Der Tanz ist wie eine Strukturanalyse der Musik, abstrakt und systematisch in Mustern, Formen und Abweichungen davon, ohne Narration und ohne an die Emotionen anzuknüpfen, die Bachs Cellosuiten in sich bergen und auslösen können.
In den schwachen Momenten dieser zwei Stunden stehen Musik und Tanz wie unverbunden nebeneinander, in den starken Momenten bilden sie eine erhabene Einheit und verdeutlichen den Titel "Mitten wir im Leben sind", wobei dieser Satz aus einem Luther-Choral einen zweiten Teil hat: "Mitten wir im Leben sind, mit dem Tod umfangen." – der Vergänglichkeitsgedanke: es gibt kein Leben ohne den Tod.

Jean-Guihen Queyras - faszinierend freizügig spielerische Leichtigkeit

Johann Sebastian Bachs sechs Cellosuiten, für viele die Krönung seiner Musik, spielt Jean-Guihen Queyras mit frappierender Leichtigkeit, weich und fließend, ohne starken Bogendruck, ohne dramatische Akzente zu setzen, auch ohne Zwang zu technischer Perfektion, völlig unprätentiös und in einer unglaublichen Einfachheit, Schlichtheit und Selbstverständlichkeit, in den langsamen Sätzen ergreifend zart. Eine faszinierend freizügig spielerische Bach-Version.
Dabei sitzt Queyras auf einem schnöden kleinen Hocker, mit dem Rücken zum Publikum oder seitlich, erst am Ende frontal, aber hinten an der Bühnenrückwand – er ist immer mitten im Geschehen, Teil des Tanzes, im Blickkontakt mit den Tänzern, lächelt und strahlt oder versinkt in der Musik – eine herrliche Hingabe an Musik und Tanz.

Mitten wir im Leben sind / Bach6Cellosuiten
Bild: Theater Hebbel am Ufer; © Anne van Aerschot

Keersmaker-Tanz - Strukturanalyse mit Verflüssigung und Verwirbelung

Anne Teresa de Keersamaeker hat sich in den mehr als 40 Jahren ihrer Karriere oft mit Klassischer und Neuer Musik auseinandergesetzt, auch schon mit Bach, etwa mit den Partiten für Solo-Violine. In ihrer getanzten Strukturanalyse orientiert sie sich an Grundstruktur, Rhythmik und Harmonik, nicht an den Melodien und der Sanglichkeit der Musik. Das ist ein minimalistischer Ansatz wie in den Steve-Reich-Choreographien, mit denen sie Anfang der 80er Jahre berühmt wurde. Auch im Tanz gibt es jene Einfachheit und Schlichtheit wie im Spiel von Queyras – wobei der typische Keersmaeker-Tanz in seiner mathematisch-geometrischen Struktur und in den Wiederholungen und Variationen der Muster eine bezaubernde, noble Eleganz haben kann.
Das Pendeln und Schwingen, das Hinein- und Hinaus-Gleiten aus den rasanten Halb-, Dreiviertel-  und Voll-Drehungen mit kippenden Körperachsen, die Rückwärtsdrehsprünge mit nachkippendem Kopf, die Laufwege in Linien, Kreisen und Ellipsen, alles gleichmäßig im Takt und doch in Unruhe gehalten mit Richtungswechseln, umgelenkt auf einem Fußballen und mit Tempiwechseln mit Beschleunigung und Entschleunigung, mit Unwucht in den Körpern und mit Verflüssigung und Verwirbelung der klaren Formen. Hier treibt sie ihre Tänzer auch vom horizontalen Liegen auf dem Boden in die Vertikale, das sind aufsteigende Spiralen wie als Verbindung von Erde und Himmel.

Mitten wir im Leben sind / Bach6Cellosuiten
Theater Hebbel am Ufer; © Anne van Aerschot

Mitunter akademisch und hermetisch – Zäsur-Setzungen

Das ist trotz der Abstraktion über weite Strecken anmutig, mitunter aber auch akademisch und hermetisch, zumal der Abend ähnlich wie die Satzfolgen statuarisch organisiert ist: zu jeder Suite eine Tänzerin oder ein Tänzer im Solo, dazu ein kleines Duett mit Keersmaeker – das wirkt mitunter auch etwas eintönig. Wogegen sie mit Zäsuren vorgeht, mit Pausen und Szenen mit Tanz ohne Musik oder Musik ohne Tanz, mit einem lustigen Duett in höfischem Barocktanz oder am Ende endlich alle 5 Tänzer gemeinsam in einem ornamentalen Gewebe - etwas mehr Humor und lustvoller Tanz würden bei all der Formstrenge schon gut tun. Welche geometrischen Formen die Tänzer mit Klebeband auf dem Boden festhalten, ist wegen der Guckkastenbühne aus dem Parkett leider nicht erkennbar, zu vermuten ist wegen der Aufstellung aller am Ende ein Pentagramm - der Goldene Schnitt in Geometrie, Musik, Architektur.


Eine der stärksten Keersmaeker-Arbeiten – das Göttliche im Menschlichen

"Mitten wir im Leben sind" ist alles in allem mit den genannten kleinen Einschränkungen ein überzeugender Abend. Wir konnten in Berlin dank der vielen Einladungen zum "Tanz im August" oder zu den Berliner Festspielen die Entwicklung von Anne Teresa de Keersmaeker über die Jahrzehnte kontinuierlich mitverfolgen und dieser Bach-Cello-Suiten-Abend gehört zu ihren stärksten Arbeiten. Im reinen abstrakten Tanz findet sie zu dem, was sie an Johann Sebastian Bach nach eigenen Worten schätzt, dass er "das Göttliche menschlich macht und das Menschliche göttlich".
Dieser Abend hat etwas Erhabenes, löst Staunen und Ehrfurcht aus und auch ein intuitives Wahrnehmen. Die allesamt älteren Tänzer sind grandios und Jean-Guihen Queyras in diesem Tanz-Rahmen zu erleben, macht ganz einfach glücklich.