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Der Klassikkritiker 12/12/2017
SCHUMANN PUR John Eliot Gardiner beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in München

SCHUMANN PUR John Eliot Gardiner beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in München

Schon in seiner Hamburger Zeit hatte sich der englische Dirigent John Eliot Gardiner als Robert-Schumann-Interpret einen Namen gemacht, und er beschäftigt sich auch in der aktuellen Spielzeit intensiv mit dem romantisch-intellektuellen Komponisten, arbeitet u.a. mit dem London Symphony Orchestra an einer Einspielung der vier Symphonien.

Mit dessen Zweiter nun gastierte er beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Münchner Herkulessaal und frappierte alleine dadurch, dass er die Musiker/innen (mit Ausnahme der Celli selbstverständlich) im Stehen agieren ließ, was man zwar bei einigen Kammerorchestern, speziell wenn sie sich der historisch informierten Aufführungspraxis verschrieben haben, zuweilen erlebt, doch so gut wie nie bei groß besetzten Klangkörpern. Ein Stückweit fühlte man sich an den – was die künstlerische Intellektualität angeht – Schumann-nahen Dichter Arno Schmidt erinnert, der sein literarisches Hauptwerk „Zettel‘s Traum“ ebenfalls im Stehen gelesen zu wissen wollte.

Das Ergebnis war von fulminanter Intensität. Natürlich: Man atmet auf diese Weise intensiver, der Körper steht kontinuierlich unter stärkerer Spannung, welche sich nun bei den BR-Symphonikern in durchweg kontrastfreudiger Dynamik entladen hatte. Wunderbar gleich zu Beginn, wie sich die Bläserfanfare über den Streichern erhoben hatte und ein luzides Flackern in Gang setzte, wie es für Schumann so charakteristisch ist.
 

Diese Luzidität steigerte sich im Scherzo ins Nervös-Fiebrige. Gardiner und das höchst präsente Orchester setzten den Satz unter Dauerstrom, führten auch (was leider viel zu selten geschieht!) den ersten Trio-Teil im Grundtempo weiter und behielten im zweiten Trio den Puls nur geringfügig retardiert bei, um umso impulsiver in die Coda einzusteigen. Das Adagio espressivo wandte Gardiner ins Transzendentale mit seinem hinreißend artikulierten Oboen-Solo voller Wärme und Anmut, welche die ersten Violinen alsbald emphatisch weiter ausformten. Energiegeladen gab sich dann das Finale, bei dem ein weiteres Mal die ausgeprägten Führungsqualitäten des ersten Oboisten wie auch jene des ersten Fagottisten zum Einsatz gekommen waren.

Zum Auftakt des Abends hatte Gardiner die „Manfred“-Ouvertüre aufs Programm gesetzt und pointierte bereits hier das irrisierend-nervöse Drängen, desgleichen die schmerzdurchwirkten Klagerufe. Auch hier ließ er bei ausformulierter Binnen-Dynamik keine noch so kleine Phrase zu vermeintlicher Nebensächlichkeit verkommen, forcierte auch die von Schumann im dritten Abschnitt intendierte Leidenschaft und ließ das Werk in fahler Düsternis ausklingen.

Im Mittelpunkt stand die Begegnung mit Jean-Guihen Queyras, der den Beginn von Schumanns Cellokonzert mit jener geschmeidigen Eleganz, kantablem Schmelz und lupenreinen Lagenwechseln zum Klingen brachte, die sein komplettes Spiel bis hin zur außergewöhnlichen Zugabe (ein Solostück von Dutilleux) auszeichnete. Gardiner und die BR-Symphoniker begleiteten den Solisten sensibel und mit Substanz zugleich; die orchestralen Zwischenspiele erklangen kompakt und ohne auszufransen, was bei diesem Stück leicht geschehen kann. Beide konzertierenden Partner holten das Maximale an Spannung aus diesem Stück heraus und gefielen mit ihrem hohen, homogenen Verschmelzungsgrad.

Jörg Riedlbauer
Der Klassikkritiker 12/12/2017