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Neues Deutschland 11/12/2017
Finaler Jubel auf das Leben Anne Teresa De Keersmaeker zeigt im HAU Bachs Cello-Suiten

Sie gehören zu den beliebtesten Instrumentalkonzerten - und zu den mit am meisten vom Tanz anverwandelten: Bachs Solosuiten für Cello. Entstanden sind sie wohl vor 1719 und zitieren, auf freilich stilisierte Weise, höfische Modetänze der Zeit, die gemächliche Sarabande, die spitze Bourée, die flinke Gigue. Kein Wunder, dass Choreographen begehrlich die Hand nach diesem Zyklus ausstrecken: vor Jahren in Zürich Heinz Spoerli in neoklassischer Manier, jüngst Anne Teresa De Keersmaeker, Belgiens Grande Dame des zeitgenössischen Tanzes. »Mitten wir im Leben sind« heißt ihre Version und bezieht sich auf eine von Luther übersetzte Hymne. Die Zeile rundet sich durch den Zusatz »Mit dem Tod umfangen«. Um letzte Dinge, das Nachsinnen über die Spanne zwischen Leben und Tod, dreht sich der Zyklus. Alle sechs Suiten erklingen bei De Keersmaeker auf der Bühne des Hebbel-Theaters live in einer beispielhaft durchgeistigten Interpretation des Starcellisten Jean-Guihen Queyras, der zudem genau die Szene beobachtet, behutsam auf sie reagiert.

Ganz dem Miteinander von Musik und Tanz steht der entkernte Bühnenraum zu Gebote. Jede Suite ist einem Tänzer zugeordnet und beginnt mit dem Aufkleben einer geometrischen Figur auf den Boden. Dann zieht sich die Choreographin zurück, zeigt zuvor noch die Ziffer der Suite, überlässt den Einstieg ihrem jeweiligen Solisten. Unprätentiös ist die Bewegungssprache, vermeidet jeden Anflug von Künstlichkeit, schöpft ganz aus dem natürlichen Bewegungsvermögen. Fließende Läufe und geflogene Sprünge sind darunter, gleitende Gänge, flüchtige Handstände, Kreisen, auch sparsame Bodenakrobatik. Bisweilen sitzt oder hockt der Interpret und lauscht dem Spiel des Cellisten, ehe er wieder in die Zwiesprache einsteigt. Sie geschieht mit der Musik ebenso wie mit sich selbst, dringt in menschliche Tiefen vor.

Für jede Suite wechselt Queyras den Hocker, mal sitzt er mit dem Rücken zum Saal, mal im Profil, mal weiter vorn, zum Schluss ganz an der Bühnenrückwand. Wie unterschiedlich die tänzerischen Suiten ausfallen, ob nachdenklich oder fröhlich: stets sind sie ungemein intensiv in der körperlichen Reaktion auf die Cellovorgabe. Kaum je schmiegen sie sich bequem dem musikalischen Rhythmus an, verteidigen vielmehr ihr Eigenleben und verebben, wenn ein tänzerischer Gedanke zu Ende geführt ist. Dann hat die Musik das Primat. Andererseits führt mehrfach der Tanz seinen Gedankengang fort, obwohl die Musik ihr Ende erreicht hat. So entsteht ein spannungsvolles Gewebe aus Klang und Bewegung, ohne dass eine der Künste sich anbiedern müsste. Je einen der langsamen Suitensätze erhebt die Choreographin zum Duo: Dann konzertiert sie mit ihrem Solisten, forscht mit ihm den Fragen nach, die der Tanz stellt. Immer enden die Duette mit einem ausgebreiteten Arm als einer angedeuteten Umarmung. Besonders gelingt es Marie Goudot, der zweiten Frau unter drei männlichen Tänzern, den flinken Wendungen, Beckendrehungen, zeitlichen Verzögerungen Ausdruck zu geben. Ihr Duo mit der Choreographin zitiert auch Formen und Fassungen des höfischen Tanzes.

 

Ein Solo der fünften Suite gehört allein De Keersmaeker, im Halblicht schemenhaft und so dunkel getönt wie hier die Musik. Der Satz zuvor, dem sich Tanz verweigert, gehört wiederum nur dem Cellisten. Ein andermal verlässt er die Bühne, klingt weit aus der Ferne als musikalisches Signal an. Dies gänzlich neue Zusammenspiel von Musik und Tanz, geprägt von Eigenständigkeit und Respekt, bezieht durch die ausgestreckte Hand der Tänzer an der Rampe wiederholt die Zuschauer mit in die Antwortsuche ein, jubelt in der Finalsuite dem Leben zu und greift nochmals Bewegungsmotive auf. Im Fünfeck umstehen die Tänzer am Schluss den Cellisten: letzte Vereinigung der beiden Schwesternkünste.

Volkmar Draeger
Neues Deutschland 11/12/2017