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Süddeutsche Zeitung 08/12/2017
Herzhaft BR-Symphoniker und Jean-Guihen Queyras

Kurz will es einem bei Schumanns "Manfred"-Ouvertüre im Herkulessaal so erscheinen, als sei die charakteristische Präzision des BR-Symphonieorchesters an diesem Abend unter der Leitung von John Eliot Gardiner leicht getrübt. Irrtum. Nach kurzer Umbaupause kommt der Cellist Jean-Guihen Queyras aufs Podium, und was folgt, ist eine brillante Darbietung von Schumanns Cellokonzert. Queyras' Ton ist kernig, manchmal auch herb. Natürlich sind die leisen Linien trotzdem wunderschön gespielt, nachdenklich, innig. Aber Queyras' Lust am breiten Strich und an griffiger Akzentuierung ist noch größer. So treten die Konturen dieser Komposition markant hervor, was den Vortrag ungemein fasslich macht. Nicht jedes Detail ist in dieser Grundhaltung auf maximale Klangschönheit getrimmt. Aber auf maximale Aussagekraft. Genau so und nicht anders will man in dem Moment dieses Cellokonzert hören - so herzhaft und unaffektiert Queyras interpretiert, so groß ist seine Überzeugungskraft. Die Begeisterung ist immens, das spieltechnisch und klanglich in allen Farben glitzernde, dabei stille Zugabenstück (eine "Strophe" von Henri Dutilleux, Queyras spielte sie hier einst als ARD-Preisträger, wie er erzählt) eine schöne Antwort darauf.

Schwer vorstellbar, aber dem Orchester gelingt nach der Pause eine nochmalige Steigerung. Es mag ja stimmen, dass man in anderen Symphonien mehr kompositorische Substanz antrifft als in Schumanns zweiter. Aber was soll's, bei Gardiner und dem BR-Orchester entfacht das Werk die reine Lust am Musizieren. Die Stühle sind abgeräumt; wie ein riesiges Kammerorchester stehen die Musiker auf dem Podium und spielen einfach phänomenal. Keine Sekunde ohne fein justierten dynamischen Effekt, keine Sekunde, in der es dabei zu viel des Effekts wäre. Hier gelingt (mit halbem Punktabzug im Adagio) alles, jede rhythmische Finesse, jedes Detail, sogar die vibratoarm gespielte Strenge der Adagio-Violinenkantilene, die trotzdem nicht zu kühl klingt. Besser geht es nicht.

Andreas Pernpeintner
Süddeutsche Zeitung 08/12/2017