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Die Presse 27/04/2017
Pianissimi, wie Spinnweben überkreuzt

D-Es-C-H: Dmitri Schostakowitschs Initialen, in Musik übersetzt. Als Schicksalsmotiv bestimmen sie gleich den Beginn des achten Streichquartetts. Ein vor Ingrimm schier berstendes Scherzo, schrille Tanzmusik mit manischen Repetitionen. Selbstzitate – und wiederholt dreimaliges Klopfen in gefrorener Atmosphäre. Mit ihm begehrt niemand Einlass in einen hehren Weisheitstempel à la „Zauberflöte“: Es war ein Signal unter Dissidenten, sich vor KGB-Spitzeln zu hüten. Der Rest ist Erstarren und Verzweiflung. Nach einem Besuch des noch schwer beschädigten Dresden 1960 komponiert und „den Opfern von Faschismus und Krieg“ gewidmet, erzählt das Werk zumindest auch von der Bedrängnis der Menschen in der UdSSR. Das Belcea-Quartett glühte förmlich im Allegro molto, das Largo klang gespenstisch, der Epilog brachte Schönheit und Schmerz, Trauer und Trost in Einklang: eine beklemmende Aufführung im Mozartsaal des Konzerthauses.

Schostakowitsch in der Staatsoper, in Musikverein und Konzerthaus, bei den kommenden Salzburger Festspielen: Was beinah wie von fiktiver Generalintendantenhand geplant wirkt, belegt wohl „nur“, dass er im Repertoire angekommen ist – und im Interesse des breiten Publikums.
 

Schuberts c-Moll-Quartettsatz deutete das Belcea-Quartett eingangs eher introvertiert als äußerlich dramatisch – mit Pianissimi, die einander wie Spinnweben überkreuzten und durchdrangen. Trotz oder gerade wegen des modern kühlen Klangbilds, das ein stets wohldosiertes, durchdacht platziertes Vibrato belebt, scheinen einer sonoren Fülle gewisse Grenzen gesetzt. Dafür bringt das Ensemble in seinen besten Momenten Wärme und Klarheit in glückliche Balance. Und gerade die penibel abgestufte Dynamik im Leisen gebot nicht nur technisch Respekt, sondern erschloss bewegende Ausdrucksnuancen. Im Streichquintett D 956 zumal, bei dem sich Jean-Guihen Queyras am zweiten Cello homogen ins Ensemble einfügte, konnten die fünf sogar das dreifache Piano noch unterbieten, ohne dass der Klang brüchig wurde. So schwebte sie noch zarter, die unnennbare, dreistimmige Melodie der Mittelstimmen, die Violine und Cello im Adagio liebkosen; und dem langsamen Scherzo-Trio verlieh es fast geisterhafte Präsenz. Musikantisch-genießerisch das Finale: große Begeisterung.

Walter Weidringer
Die Presse 28.04.2017