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Badsche Zeitung 27/04/2017
"Spielen wie mit Freunden und Geschwistern" BZ-INTERVIEW: Jean-G. Queyras und die Badenweiler Musiktage.

Jean-Guihen Queyras gehört zu den vielseitigsten Cellisten überhaupt. Vor seinen Konzerten bei den Badenweiler Musiktagen hat sich Georg Rudiger mit dem französisch-kanadischen Professor der Freiburger Musikhochschule unterhalten.

BZ: Bei den Badenweiler Musiktagen sind Sie an drei von vier Konzerten beteiligt. Könnte man Ihre Rolle als "Artist in residence" bezeichnen?
Queyras: Ja, es ist sozusagen eine Mini-Residenz an einem verlängerten Wochenende. Wir haben das "Carte Blanche" genannt – "Jean-Guihen and friends" würde auch passen. Es spielen dort enge Freunde, die ich sowohl menschlich als auch musikalisch sehr schätze. Beim Belcea Quartett kenne ich den Cellisten Antoine Lederlin und die großartige Primaria Corina Belcea. Pierre-Laurent Aimard war der Pianist von Pierre Boulez’ Ensemble intercontemporain, als ich in jungen Jahren dort angefangen habe. Ich war sofort fasziniert von der magnetischen Qualität seines Könnens. Bei ihm habe ich auch das Unterrichten gelernt, weil ich viele Jahre Assistent in seiner Kammermusikklasse am Pariser Konservatorium war. Pierre-Laurent ist auch ein fantastischer Denker und hat die große Fähigkeit, Worte über Musik zu finden.

BZ: Und das Trio mit Isabelle Faust und Alexander Melnikov?
Queyras: Die beiden sind meine ständigen Kammermusikpartner. Isabelle habe ich mit Anfang Zwanzig kennengelernt. Sie ist meine Seelenschwester auf der Geige. Wir mussten kaum etwas besprechen. Bogendruck, Bogengeschwindigkeit, Rubato – da hatten wir sofort eine große Übereinstimmung. Viele erleben uns im Zusammenspiel als Geschwister.

BZ: Der Festivalleiter Klaus Lauer ist für seine klugen Konzertprogramme bekannt. Wie kann man sich die dramaturgische Zusammenarbeit mit Ihnen bezüglich der kommenden Badenweiler Musiktage vorstellen?
Queyras: Wir haben uns durch die Neue Musik, genauer gesagt durch Pierre Boulez kennengelernt. Ich kam in den 1990er Jahren zum ersten Mal mit dem Ensemble Intercontemporain zu den Römerbad-Musiktagen. Und war fasziniert davon, wie leidenschaftlich er sich in diesem kleinen Kurort für zeitgenössische Musik einsetzt. Klaus Lauer kennt ein sehr großes Repertoire. Das Programm entstand in enger Zusammenarbeit. Auch die Idee des Soloabends von Pierre-Laurent Aimard am 29. April mit den "Vingt regards sur l’enfant Jésus" (Zwanzig Blicke auf das Jesuskind) ist gemeinsam entstanden. Er spielt die Musik von Messiaen wie kein anderer. Und ich darf zuhören.

BZ: Hat es thematische Leitlinien gegeben?
Queyras: Es gibt kein durchgehendes Thema. Das Thema bin ich, wenn man so will (lacht) – mit meinen Freunden. Aber natürlich gibt es die übergeordnete Idee, große Klassiker des Repertoires mit zeitgenössischer Musik zusammenzubringen. Im ersten Programm am 28. April mit dem Belcea Quartet gibt es neben dem 8. Streichquartett von Schostakowitsch und dem Schubert-Quintett eine Uraufführung. Bruno Mantovani hat für mich ein Stück für Solocello geschrieben. Im letzten Konzert am 1. Mai kombinieren wir zwei Schumann-Klaviertrios mit dem Trio Nr. 2 von Salvatore Sciarrino aus dem Jahr 1987.

BZ: Gemeinsam mit Isabelle Faust und Alexander Melnikov haben Sie sich die vergangenen zwei Jahre intensiv mit der Musik von Robert Schumann beschäftigt und mit dem Freiburger Barockorchester die drei Solokonzerte für Violine, Klavier und Violoncello, aber auch die drei Klaviertrios aufgenommen. Was machen Sie nun anders als vorher?
Queyras: Das Violinkonzert und das Cellokonzert, aber auch besonders die Trios sind sehr kompliziert. Wir haben im Zusammenspiel eine Transparenz gewonnen, die für diese Musik ein großes Plus ist.

BZ: Stehen Sie im Kontakt zum Komponisten, wenn Sie eine Uraufführung vorbereiten wie die von Bruno Mantovani in Badenweiler?
Queyras: Das ist ganz unterschiedlich. Bruno Mantovani gehört, was seine Notation angeht, zu den Pragmatikern – so wie übrigens auch Pierre Boulez. Sie haben kein Problem damit, ihre Musik klar und verständlich aufs Papier zu bringen. Da entstehen in der Vorbereitung kaum Fragen. Das Gegenteil davon ist beispielsweise György Kurtág, bei dem man erst einmal nicht versteht, was er meint.

BZ: Sprechen Sie die Tempi mit dem Komponisten ab?
Queyras: Das kann schon sein. Die meisten Komponisten schreiben Tempi, die schneller sind als die Physik des Spiels es erlaubt. Wenn ein Komponist am Schreibtisch fiebrig seine Musik innerlich singt, dann spürt er nicht den Widerstand der Saite. Das Stück von Mantovani ist ziemlich virtuos. Ich bin gespannt.

Jean-Guihen Queyras (Jahrgang 1967) ist in Montreal geboren. Mitglied im Arcanto Quartett, Professor für Violoncello an der Musikhochschule Freiburg. Umfangreiche Tätigkeit als Solist. Er spielt ein Cello von Gioffredo Cappa von 1696.
Badenweiler Musiktage "Carte Blanche", 28. April bis 1. Mai, Konzerte jeweils um 18 Uhr (Werkeinführung durch Rainer Peters um 16.15 Uhr) Kurhaus Badenweiler. Karten gibt es unter http://www.bz-ticket.de oder
  07632/799 300

Badische Zeitung 27/04/2017